TEXTE: HANS MAGNUS ENZENSBERGER
BILDZITATE: AUS DER WHITE-LUXUSSTUDIE

Von der Mühsal des Geldausgebens erschöpft,
entspannt sich die Luxus-Göttin und nimmt amüsiert zur Kenntnis, was
zwei unterschiedliche Verehrer über sie herausgefunden haben:
der Dichter und der Marktforscher

DER BEGRIFF des Luxus ist ebenso relativ wie der der Armut. Es ist gar nicht so lange her, da waren Güter wie Zucker und Glas, Samt und Licht, Pfeffer und Spiegel in Europa einer kleinen Minderheit von Mächtigen und Vermögenden vorbehalten.

Unabsehbar ist die Reihe der Philosophen und Gesetzgeber, der Prediger und Demagogen, die sich gegen Üppigkeit, Prunksucht und Verschwendung ausgesprochen haben. So wie der Gegenstand ihres Eifers haben sich im Lauf der Zeiten auch ihre Argumente verändert.

Überhaupt kommt man um die Feststellung nicht herum, daß es selten die Verdammten dieser Erde waren, welche die öffentliche Verschwendung gegeißelt haben, sondern eher ihre selbsternannten Anwälte. Radikale Intellektuelle vom Schlage eines Robespierre, eines Lenin, eines Mao Tse-tung oder Pol Pot sind es gewesen, also Advokaten, Gutsbesitzersöhne, Soziologen, die in der Askese den Gipfel der Tugend sahen und bereit waren, sie, wenn nötig, mit allen Mitteln des Terrors durchzusetzen. Unter den Armen, Entrechteten und Erniedrigten kann man lange nach Predigern der Enthaltsamkeit suchen.

„21 Prozent Käufer glauben, dass Blogs und Luxusmarken gut zusammenpassen.“

Daß vieles von dem, was heute zum selbstverständlichen Standard eines Pflasterers oder einer Friseuse gehört, keinem Fürsten der Vergangenheit zur Verfügung stand, ist einer jener Gemeinplätze,über die man ins Grübeln kommen könnte, wenn man sie beim Wort nähme.

Die französische Luxus-Diskussion des 18. Jahrhunderts. Damals schrieb der Abbé Coyer in einem berühmten Pamphlet: „Der Luxus gleicht insofern dem Feuer, als er ebensowohl wärmen als verzehren kann. Wenn er einerseits reiche Häuser zugrunde richtet, so hält er andererseits unsere Manufakturen am Leben. Er frißt das Vermögen des Verschwenders auf, aber er ernährt auch unsere Arbeiter … Wollte man unsere Lyoner Seidenstoffe, unsere Goldbeschläge, unsere Juwelen mit dem Bann belegen, so sähe ich die Folgen kommen: Mit einem Schlag lägen Millionen Arme brach, und ebenso viele Stimmen erhöben sich, die nach Brot riefen.“

Montesquieu … faßt sich kürzer: „Ohne Luxus“, sagt er, „geht es nicht. Wenn die Reichen nicht reichlich ausgeben, werden die Armen Hungers sterben.“ Und Voltaire reduziert das Problem auf ein Bonmot: „Das Überflüssige ist eine höchst notwendige Sache.“

„Unter den Armen, Entrechteten und
Erniedrigten kann man lange nach Predigern der
Enthaltsamkeit suchen.“

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    „42 Prozent der Käufer gaben in der aktuellen Studie an, ein gutes Angebot nicht ausgeschlagen zu haben.“

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    „Shops für Luxusmarken sind im Internet unverzichtbar. 60 Prozent aller Käufer erwarten dies.“

In einem Konversationslexikon von 1815 heißt es mit entwaffnender Bonhomie: „In dieser Rücksicht wird der Luxus nicht nur höchst nützlich und notwendig, indem er den Zweck des Menschen, physischen Wohlstand erleichtert, sondern auch diesen Wohlstand unter die größtmögliche Menschenmasse verbreitet, und mithin der dem allgemeinen Nationalwohlstande nachtheiligen Vermögensungleichheit entgegenarbeitet.“

Den Biologen des 19. Jahrhunderts war aufgefallen, daß die Verschwendung nicht nur in der menschlichen Gesellschaft, sondern auch in der Natur eine überwältigende Rolle spielt. Der quantitative und qualitative Überschuß, der in der Natur herrscht, ist durch Nützlichkeitskalküle kaum restlos zu erklären. Die Theoretiker der Evolution tun sich schwer damit, das exorbitante Farbenspiel tropischer Schmetterlinge im darwinistischen Sinn zu deuten. Rätselhaft sind auch die Stoßzähne des sibirischen Mammuts; denn sie haben nicht zum Überleben der Art beigetragen. So beißt sich die Wissenschaft am Luxus der Natur die Zähne aus. Ob sich die verschwenderischen Neigungen des Menschen auf biologische Wurzeln zurückführen lassen – diese Frage muß nach alledem offenbleiben.

In den ersten Jahren des Wirtschaftswunders wollten die Massen nicht auf die Warnungen der Intellektuellen vor dem  Kühlschrank und dem Auto hören, die damals noch als Luxusgüter galten.Später stieß auch die Studentenbewegung auf taube Ohren, als sie versuchte, die Leute vor der drohenden Gefahr des Konsumterrors zu schützen.

„Die Studentenbewegung stieß auf taube Ohren,
als sie versuchte, die Leute vor der drohenden
Gefahr des Konsumterrors zu schützen.“

Georges Bataille war es, der die philosophische Deutung des Luxus auf die Spitze getrieben hat … Er kam, wie es seine Art war, zu einer radikalen Schlußfolgerung: „Die Geschichte des Lebens auf der Erde ist vor allem die Wirkung eines wahnwitzigen Überschwangs: Das beherrschende Ereignis ist die Entwicklung des Luxus, die Erzeugung immer kostspieligerer Lebensformen.“ Man braucht Batailles Metaphysik der Verschwendung nicht zu teilen, um ihm in einem Punkte recht zu geben: nämlich daß es, aller Armut zum Trotz, eine menschliche Gesellschaft, die ohne Luxus ausgekommen wäre, nie gegeben hat. Nie wurde weniger gespart als in Zeiten, zu denen Hungersnöte etwas ganz Gewöhnliches waren. Gerade traditionelle Gesellschaften, denen stets der Mangel drohte, haben auf ihren Festen eine aberwitzige Pracht entfaltet. Entscheidend waren dafür nicht der Narzißmus und der Größenwahn der Herrscher, sondern die Notwendigkeit der Repräsentation.

„80 Prozent fokussieren auf Mode und Schuhe, rund zwei Drittel legen besonderen Wert auf Accessoires, Uhren und Kosmetik.“

„Luxus ist nicht das Gegenteil von Armut, sondern von Vulgarität.“ Mit diesen Worten hat Coco Chanel der Industrie, deren Pionierin sie war, das Urteil gesprochen.

Daß die Entfaltung von Pracht und Luxus nur dem Vergnügen der Mächtigen gedient hätte, ist ein puritanisches Mißverständnis. Sie waren vielmehr verpflichtet, ja gezwungen, der Welt um jeden Preis, selbst um den des eigenen Ruins, ein exorbitantes Schauspiel zu bieten.

Und welche Rolle spielte bei diesen Verschwendungsritualen das Volk oder, modern gesprochen, das Publikum? Es hatte nicht nur die Zeche zu bezahlen; es hatte auch ein Recht darauf, zuzuschauen.

„Die Massenproduktion hat dem Luxus zugleich
seinen größten Triumph und seinen Untergang
bereitet.“

Neuschwanstein, das Phantasieschloß König Ludwig II. von Bayern, galt den Beamten seiner Rechnungskammer als die Ausgeburt der „krankhaften Verschwendungssucht eines Paranoikers“. Heute werden dort übrigens Jahr für Jahr sechs Millionen Mark als Eintrittsgelder eingenommen, ebensoviel, wie seinerzeit der ganze Bau gekostet hat … Bemerkenswert … ist die Liebe, die dem königlichen Patienten, dem alle Volkstümlichkeit zeitlebens verhaßt war, damals wie heute entgegengebracht wird; ein Indiz dafür, daß der Luxus, und zwar gerade dann, wenn er alle Proportionen sprengt, keineswegs auf spontane Empörung stößt.

Das alles legt den Verdacht nahe, als wäre die Abneigung gegen alle Formen von Luxus, auch die bescheidensten, eher den Skrupeln und dem Selbsthaß seiner Kritiker zuzuschreiben als dem Ressentiment derer, die keinen Teil an ihm haben.

Die Massenproduktion hat dem Luxus zugleich seinen größten Triumph und seinen Untergang bereitet. Eine riesige Industrie, die noch in der Rezession phantastische Wachstumsraten erreicht, lebt von seinen Zerfallsprodukten. Emblematisch für diese Entwicklung ist die Tendenz zum Markenartikel. Die Namen der Hersteller sind zu einem universellen Code geworden. Das Etikett vertritt den Gegenstand.

Daß dem privaten Luxus auch der neidische Zuschauer abhanden gekommen ist, kann nicht wundernehmen. Wo es nichts mehr zu sehen gibt, wendet sich der Voyeur achselzuckend ab. Auch wird es wohl kein Zufall sein, da? es vor allem Zuhälter, Gangster und Drogenbarone sind, die den größten Wert darauf legen, sich mit exklusiver Scheiße zu schmücken. Nirgendwo wird der Kampf um das Etikett, den Markennamen auf den Klamotten blutiger ausgetragen als im Ghetto. So fragt es sich, ob der private Luxus überhaupt noch eine Zukunft hat. Ich hoffe und fürchte: ja.

Text („Spiegel“ 51/96) mit freundlicher Genehmigung des Autors Hans Magnus Enzensberger

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